Weltbienentag 2020: Experteninterview

Die Bedeutung von Bienen für uns Menschen ist enorm: Sind doch rund 75 Prozent der globalen Nahrungsmittelpflanzen von ihrer Bestäubung abhängig. Wir erfuhren von Imker Manfred Kraft, wie wir die Insekten am besten unterstützen können.

Eine Wildbiene beim Nektar sammeln an der Blüte der Natternkopf-Pflanze

Herr Kraft, welche Rolle spielen Bienen im Ökosystem?

Wild- und Honigbienen haben für die Natur eine immense Bedeutung, denn rund 80 Prozent der heimischen Nutz- und Wildpflanzen sind auf ihre Bestäubung angewiesen. Alleine in Europa werden etwa 4.000 verschiedene Gemüsesorten von Bienen bestäubt. Ein Rückgang, speziell der Wildbienenarten, wirkt sich also dramatisch auf die biologische Vielfalt sowie unsere Nahrungsmittelproduktion aus.

Wie viele Bienenarten existieren insgesamt?

Bei uns in Deutschland gibt es 580 verschiedene Bienenarten. Über 550 davon sind Wildbienen. Die restlichen Arten setzen sich aus Hummeln sowie der Westlichen Honigbiene zusammen. Letztere ist die einzige Bienenart, die große Völker bildet und sich damit von den einsiedlerischen Wildbienen grundlegend unterscheidet.

Heimische Pflanzen und ihre Wildbienen

Immer wieder kursiert der Begriff „Bienensterben“ – betrifft das alle Bienenarten?

Schon lange wird unter Imkern über den Zustand der Honigbienen diskutiert. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn vor allem Wildbienen leiden unter immer kleiner werdenden Lebensräumen und einem reduzierten Pollenangebot. Immerhin sind 43 Prozent unserer heimischen Wildpflanzen stark rückläufig. Das hat natürlich Folgen für die Bienen. Fast alle Hummelarten sowie über 50 Prozent der Wildbienenarten sind bedroht! Bei den Schmetterlingsarten ist die Lage wegen der Lichtverschmutzung noch dramatischer.

Wodurch sind die Insekten am meisten bedroht?

Durch die zunehmende Verbauung und intensive Bewirtschaftung unserer Landschaft fehlt es den Bienen und Insekten vielerorts an geeigneten Lebensräumen. Und somit auch an pollen- und nektarspendenden Blüten. Das Angebot an verschiedenen Pollen ist in vielen Regionen folglich zu klein. Hinzu kommt, dass es sich besonders bei vielen Wildbienenarten um lokale Spezialisten handelt. Ihnen muss durch Heuwiesen und entsprechende Blühflächen ein passendes Blütenangebot gemacht werden.

Porträtbild des Obmanns für Bienenweiden des Landesverbandes badischer Imker, Manfred Kraft
Während Honigbienen Generalisten sind, also Nektar und Pollen an vielen verschiedenen Pflanzenarten sammeln, gehört gut ein Drittel der über 550 Wildbienenarten zu den Spezialisten. Sie können also nur mit einheimischen Pflanzen überleben.

Manfred Kraft ist seit 2016 Obmann für Bienenweiden beim Landesverband Badischer Imker. Der studierte Informatiker blickt auf über 55 Jahre Erfahrung in der Imkerei zurück. 

Seit 2018 legen Sie gemeinsam mit EDEKA Südwest Blühflächen an. Was bringt das?

Eine Blühfläche ist im Grunde nichts anderes als eine Heuwiese. Nach der Eiszeit sind Steppenpflanzen zu uns nach Mitteleuropa eingewandert. Diese wiederum haben ihre Insekten mitgebracht. Wo heute noch Heuwiesen sind, ist die Artenvielfalt entsprechend hoch. Wir versuchen also, mit gebietsspezifischem Saatgut ideale Entfaltungsmöglichkeiten für die spezialisierten Wildbienen zu schaffen. Allein 2019 haben wir so in Baden-Württemberg rund 115.000 Quadratmeter an Blühflächen realisiert!

Worauf kommt es bei der Wahl des Saatguts an?

Man muss zunächst darauf achten, dass die Samen auch aus der Gegend stammen, in der man die Blühfläche anlegen möchte. Nur mit einheimischen Pflanzen tun wir den spezialisierten Wildbienen tatsächlich etwas Gutes. Zugleich braucht es Hintergrundwissen über die Bedürfnisse von Pflanzen. Mithilfe wissenschaftlicher Methoden – wie der des Ellenberg-Modells – kann man ermitteln, ob und wie gut eine Pflanze an einem bestimmten Standort gedeiht. Auf Basis dieser Erkenntnisse kann dann das Saatgut abgestimmt werden. Dies sind alles Erkenntnisse, die wir letztlich in unseren Seminaren mit EDEKA Südwest praxisnah behandeln und an die Teilnehmer weitergeben.

Viele Wildbienenarten haben es auf das Blüten- und Pollenangebot heimischer Wildpflanzen abgesehen

Und wie passt der Begriff Nachhaltigkeit zu Ihrem Blühflächen-Projekt?

Die Blüten- und Pollenproblematik hat zugleich eine flächendeckende und zeitliche Dimension. Möchte ich den Wildbienen perspektivisch helfen, braucht es nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Europa Menschen, die sich der Problematik annehmen und selbstständig aktiv werden. Lokale Imker sind hierbei essenziell. Denn bei unserem Blühflächen-Projekt mit EDEKA Südwest sorgen wir zunächst auf lokaler Ebene dafür, dass die Nahrung der Bienen sichergestellt wird. Um die dauerhafte Bestandsfähigkeit einer Blühfläche zu gewährleisten, bedarf es jedoch einer mehrjährigen Aufbauarbeit. Unser Antrieb: Mittel- bis langfristig profitiert davon die gesamte Nahrungskette.

Knaeuelglockenblume auf einer großen Wiese
Die Glockenblume ist eine Nektarquelle für viele Wildbienenarten
Eine große Heuwiese mit vielen heimischen Wildpflanzen

#zukunftleben

Gemeinsam mit den Landesverbänden der Imker in Baden und Württemberg bietet EDEKA Südwest seit 2018 eine Seminarreihe zum Thema „Bienenweide“ an. Ziel der Veranstaltungen ist es, speziell Imkern und sonstigen Fachleuten praxistaugliches Wissen über das richtige Anlegen von Blühflächen zu vermitteln. Durchschnittlich finden in Baden-Württemberg pro Jahr vier Seminare unter der Leitung von Manfred Kraft statt. Ein nachhaltiger Impuls in Sachen Heimat- und Bienenschutz. Übrigens: Interessierte können sich zur Teilnahme an einem Bienenweide-Seminar ganz einfach per Mail an [email protected] wenden.

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